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Felix Falk

Felix Falk, geboren am 31. Juli 1979 in Wismar, ist seit November 2009 Geschäftsführer der USK. Im Gespräch spricht er mit Rasmus Kriest von seiner Arbeit als Geschäftsführer der Unterhaltungssoftware Selbstkontrolle (USK), der Intention des Jugendschutzes in Deutschland und den Möglichkeiten eines solchen in Zeiten, in denen das Internet völlig neue Möglichkeiten der Distribution bietet.

©️ Dirk Matthesius

USK: Spaß, Kultur, Arbeit

von Rasmus Kriest — 29 Minuten Lesezeit

Rasmus Kriest Rasmus Kriest Wie und warum bist Du zur USK gekommen?

Felix Falk Felix Falk Vor meiner Zeit bei der USK war ich Büroleiter im deutschen Bundestag und hatte in dieser Funktion sowohl mit Computerspielen als auch mit Kinder- und Jugendschutz zu tun. Angesprochen wurde ich dann 2009 von den Trägern der USK. Gereizt hat mich die Aufgabe vor allem, weil das Medium Videospiel nicht nur spannend ist, sondern auch sehr kontrovers gesehen wird – gerade in dieser Zeit gab es eine intensive Debatte über Gewaltspiele, bei der ich spannend fand, für Aufklärung zu sorgen und mich für besseres Verständnis zu engagieren, dass man ein Medium nicht unter Generalverdacht stellen kann.

Rasmus Kriest Rasmus Kriest Was machst Du als Geschäftsleiter, der vermutlich eben nicht in einem Gremium sitzt und Spiele bewertet, überhaupt?

Felix Falk Felix Falk Meine Aufgabe ist es, dafür zu sorgen, dass alle Verfahren ordnungsgemäß ablaufen, die Abstimmungen zwischen Politik und Wirtschaft – die ja beide an der USK beteiligt sind – zu koordinieren und die USK nach außen hin darzustellen. Außerdem kümmere ich mich natürlich darum, dass es den Mitarbeitern gut geht und was eben sonst noch so zu den Aufgaben eines Geschäftsführers gehört.

Rasmus Kriest Rasmus Kriest In der Presseerklärung, in der Du als neuer Geschäftsleiter der USK vorgestellt wurdest, wirst Du als „für diese Aufgabe kompetent und mit dem Thema vertrauten Fachmann“ bezeichnet. Wie lange beschäftigst Du dich schon mit Computerspielen? Was spielst Du eigentlich gerade?

Felix Falk Felix Falk Ich habe schon viel gemacht, was mir als Geschäftsführer der USK sehr bei meiner Aufgabe hilft. Im Bundestag habe ich mich intensiv mit Computerspielen sowie Medien- und Kulturpolitik beschäftigt, jedoch habe ich auch Erfahrungen in meinem kommunikationswissenschaftlichem Studium gesammelt und nicht zuletzt eine ganz persönliche Leidenschaft für Computerspiele. Seit meinem Studium kann ich diese leider nicht mehr ganz so intensiv pflegen, das letzte Spiel, das ich wirklich komplett durchgespielt habe, ist deshalb „Spec Ops: The Line“ (Yager, 2K Games, 2012, Amin. d. Red.). Ich spiele jedoch vieles, das wir hier bekommen, aber auf jeden Fall an, um einen Überblick über den Markt zu behalten. Hauptsächlich bin ich zurzeit jedoch Gelegenheitsspieler auf Smartphone oder Tablet.

Rasmus Kriest Rasmus Kriest Inwiefern hälst Du Jugendschutz für so wichtig, dass es – und dabei ist Deutschland ja recht einzigartig – in der Verfassung (Grundgesetz Artikel 5) gegeben sein muss und nicht nur eine Möglichkeit der Wirtschaft ist, wie in anderen Ländern und anderen Alterseinstufungssystemen gegeben?

Felix Falk Felix Falk Prinzipiell muss man unterscheiden zwischen der Konzeption und der Umsetzung eines Jugendschutzes. Wenn ich in meinem persönlichen Umfeld schaue, halte ich es für sehr wichtig, wenn ein sechsjähriges Kind eben nicht mit Medieninhalten – und dazu zählen ja auch Computerspiele – konfrontiert wird, von denen es beispielsweise Albträume bekommen kann oder verstört wird. Ich finde es gut, dass Kinder und Jugendliche durch ein gegebenes System geschützt (jedoch nicht „überschützt“) werden, sodass sie ohne Schädigung oder Beeinträchtigung durch Medien aufwachsen können.

Welches System jedoch eingesetzt wird, ist eine andere Frage: Wir in Deutschland haben uns – beziehungsweise der Gesetzgeber hat sich – dazu entschieden, dass Computerspiele von gesellschaftlichen Vertretern verschiedener Gruppen diskutiert werden und man sich mit Medium auseinandersetzt – sodass man eben nicht sagt, dass dieses und jenes automatisch zu einer Freigabe ab 16 Jahren führt. Und so kommt es in Deutschland durch das System und die USK manchmal zu Einstufungen, die höher, manchmal zu Einstufungen, die niedriger liegen als beispielsweise die PEGI, weil diese eben auf ein anderes Bewertungssystem setzen. Ich persönlich würde jedoch niemals sagen, dass das eine besser als das andere sei, ich glaube, dass sowohl das eine als auch das andere sehr gut funktioniert – eben nur jedes in seinem spezifischen Umfeld.

Rasmus Kriest Rasmus Kriest Warum sind denn ausgerechnet Deutsche so sensibel in Bezug auf Jugendschutz? Warum wird der Schutz von Kindern und Jugendlichen speziell in Deutschland über solche urdemokratischen Grundwerte wie Meinungs- oder Zensurfreiheit gestellt?

Felix Falk Felix Falk Das erste Jugendschutzgesetz, damals noch „Schund- und Schmutzgesetz“ genannt, gab es schon in den 1920er Jahren. Die Bedeutung des Schutzes von Kinder und Jugendlichen und auch die Möglichkeit, dass – anders als in den USA – die Meinungs- und Kunstfreiheit dadurch eingeschränkt werden kann (und das nicht nur durch den Jugendschutz, sondern zum Beispiel auch durch das Persönlichkeitsrecht), sind historisch in der deutschen Gesellschaft schon sehr lange vorhanden und spielen eine große Rolle. Es sind sicherlich komplexe Gründe, wie es ursprünglich dazu kam, es ist jedoch ganz klar eine gesellschaftliche Entwicklung.

Das ist jedoch nur der ganz grundsätzliche Wert von Jugendschutz in Deutschland, anders ist es, wenn man nun genauer betrachtet, welche genauen Kriterien bei der Bewertung eine Rolle spielen: Da haben wir zum Beispiel viele Fälle, in denen wir deutlich lascher sind als andere, so werden Nacktheit (wie in den USA) oder explizite Sprache (wie in GB) bei uns nicht so hart bewertet wie in anderen Ländern. Dafür – und auch das kann man wieder historisch begründen – sind in Deutschland Gewalt und Kriegsthematik besonders relevante Themen, die gesellschaftlich und deshalb auch in Bezug auf Kinder und Jugendliche als besonders sensibel gesehen werden.

Rasmus Kriest Rasmus Kriest Warum ist denn Gewalt das Kriterium schlechthin im deutschen Jugendschutz?

Felix Falk Felix Falk Die beiden Weltkriege, in denen Deutschland eine entscheidende Rolle gespielt hat, und deren Folgen sind sicherlich die Ankerpunkte dafür. Die gesellschaftliche Auseinandersetzung mit diesen Themen ist sehr stark und speziell in Bezug auf die medialen Darstellungen wird gesellschaftlich ein besonderer Fokus darauf gelegt. Dementsprechend wird Gewalt auch als besonders wichtig im Jugendschutz erachtet.

Rasmus Kriest Rasmus Kriest Würdest Du deshalb sagen, dass der Vorteil der USK ist, dass sie direkt die Normen und Werte der deutschen Gesellschaft umsetzen kann, während die PEGI in vielen verschiedenen Ländern genutzt wird und dementsprechend auch auf Basis vieler verschiedener Wertvorstellungen funktionieren muss?

Felix Falk Felix Falk Stellen wir uns mal vor, wir in der USK würden ein MMORPG, in dem die Charaktere sehr leicht bekleidet sind, ähnlich wie in den USA erst ab 18 Jahren freigeben. Dann würden nicht nur Spieler, sondern auch Eltern sagen, dass die Alterskennzeichen keine zuverlässigen Angaben sind, weil Nacktheit doch gar kein so großes Problem für sie ist. Sie verstehen dann nicht, weshalb das sechszehnjährige Kind das Spiel nicht spielen können sollen dürfte. Genau so wenig wäre es jedoch angebracht, wenn wir ein Spiel, in der explizite und realistische Gewalt in einem Kriegsszenario eine große Rolle spielt, eine Freigabe ab 12 oder 16 Jahren erhalten würde – Eltern würden ebenfalls nicht einverstanden sein und auf die Gewalt verweisen. Es muss eine gesellschaftliche Akzeptanz und spezielle Kriterien geben, sonst funktionieren die Altersfreigaben nicht. Eltern oder andere Nutzer müssen sagen können, dass die Freigaben so für Deutschland auch vor dem Hintergrund unserer gesellschaftlichen Werte und Normen stimmen. Und da sehe ich den Unterschied und Vorteil der USK: Es geht nicht darum, dass das technische System der PEGI in irgendeiner Weise schlechter oder besser ist als das der USK – es geht stattdessen tatsächlich um die Kriterien und die Inhalte.

Rasmus Kriest Rasmus Kriest Neben Gewalt ist ein von Spieler oft kritisiertes Kriterium bei Altersfreigaben, das speziell im Jahr 2014 wieder eine große Rolle gespielt hat, die Darstellung von Hakenkreuzen oder anderer nationalsozialistischer Symbolik, die in Deutschland nicht erlaubt ist, wie beispielsweise in „South Park: The Stick Of Truth“ (Obsidian Entertainment, Ubisoft, 2014) oder „Wolfenstein: The New Order“ (MachineGames, Bethesda, 2014). Jetzt gibt es aber einen Film wie Quentin Tarantinos „Inglourious Basterds“ (2009), in dem alle Hakenkreuze zu sehen sind und der sogar ab 16 Jahren freigegeben, gleichzeitig aber sicherlich weder Dokumentation noch Lehrfilm ist. Wieso dürfen diese nicht in Computerspielen dargestellt werden, hat das etwas mit Interaktivität des Mediums Videospiel zu tun?

Felix Falk Felix Falk Das ist leider eine reine Rechtsfrage. Die Darstellung von Hakenkreuzen und anderen verfassungswidrigen Symbolen kann in Filmen erlaubt sein, weil der Kontext der Darstellung einbezogen werden kann. Wenn diese Inhalte sozialadäquat dargestellt werden, also die Zeit des Nationalsozialismus beispielsweise angemessen kritisch reflektiert wird, dann ist die Darstellung erlaubt. Während es bei Filmen also zu Freigaben kommen kann, bezieht man sich bei Computerspielen auf das letzte Urteil in dieser Sache und das ist das zu „Wolfenstein 3D“ (id Software, 1992, Anm. d. Red.) von 1994. Hier wurde entschieden, dass der Kontext bei Spielen generell nicht berücksichtigt wird und daher die Darstellung von verfassungsfeindlichen Symbolen in Computerspielen generell nicht zulässig sei. Und auf dieses Urteil rekurriert immer noch die momentane Spruchpraxis. Daher wäre es an der Zeit diese Rechtsposition gerichtlich zu überprüfen, wenn es hier eine Änderung geben soll.

Rasmus Kriest Rasmus Kriest Nun ist vor wenigen Wochen das Spiel „Valiant Hearts: The Great War“ (Ubisoft, 2014) veröffentlich worden, das den ersten Weltkrieg anlässlich der hundertsten Jährung dieses recht kritisch reflektiert. Würde 2039 ein solches Spiel nun über den zweiten Weltkrieg erscheinen, wäre es trotz historisch akkurater Darstellung und Reflektion der Thematik Krieg und Nationalsozialismus in Deutschland vermutlich also nicht erlaubt?

Felix Falk Felix Falk Ja, es ist durch verfassungsfeindliche Symbolik eben keine Frage der Freigabe, also der USK, sondern des Strafrechts, im Zweifel entscheidet also ein Gericht. Durch einen solchen Gerichtsbeschluss könnte das Spiel beschlagnahmt werden und eben dieses Risiko will ein Publisher natürlich nicht eingehen.

Rasmus Kriest Rasmus Kriest Wenn Du die Freigaben nun schon direkt ansprichst: Warum gibt es in Deutschland genau die Freigaben „ab 0 / 6 / 12 / 16 / 18 Jahren freigegeben“? In den USA beispielsweise gibt es eine Trennung zwischen 17 („M – Mature“) und 18 („AO – Adults Only“), warum ist das in Deutschland nicht der Fall?

Felix Falk Felix Falk Die Altersstufen und ihre Höhe gibt es bereits seit Jahrzehnten in Deutschland. Ursprünglich hat man sozialwissenschaftlich geschaut, in welchem Alter es bei Kindern besonders starke Entwicklungsschübe gibt. Danach wurden die Alterseinstufungen festgelegt und es wird politisch daran festgehalten. Heutzutage gibt es aber eigentlich keine Begründung mehr, warum man ein Spiel nicht auch ab 14 oder 8 Jahren freigeben könnte, deshalb gibt es zum Beispiel auch Spiele, die eine Freigabe ab 12 Jahren bekommen, obwohl sie für zehnjährige schon nicht mehr beeinträchtigend wären – für siebenjährige aber eben schon noch. Die Alterskennzeichen sind aber gesellschaftliche Praxis und sie sind extrem bekannt in der Öffentlichkeit. Mit einer Veränderung ginge man so natürlich das Risiko ein, dass das, was nach vielen Jahren nun endlich verstanden wurde (durch Gewohnheit und Verbreitung der Freigaben) darunter leiden würde. Deshalb denke auch ich, die bekannten Kennzeichen funktionieren gut so wie sie sind.

Rasmus Kriest Rasmus Kriest Wäre es dann nicht eine gute Möglichkeit, zusätzliche Symbole für bestimmte Sachverhalte auf dem Cover abzubilden? So bildet die PEGI zusätzlich zu der eigentlichen Alterseinstufung noch Piktogramme für beispielsweise Gewalt, explizite Sprache, Angst oder Sex ab, die eine genauere Bestimmung der Gründe für die Freigabe erlauben. Würde das Eltern, die eben nicht medieninteressiert sind, noch eine zusätzliche Möglichkeit an die Hand geben, ihren Kindern bestimmte Spiele (nicht) zu erlauben?

Felix Falk Felix Falk Ja das machen wir auch – jedoch anders als PEGI nicht auf der Verpackung des Spiels, sondern auf unserer Webseite. Dort geben wir genaue Beschreibungen des Genres und auch über die Eigenschaften, die in einem dieser den Spieler erwartet. Ebenso geben wir Beschreibungen, was die einzelnen Freigaben bedeuten und was innerhalb dieser die vorherrschenden Themen sind. Zusätzliche Informationen müssen auch immer wahrgenommen und verstanden werden. Häufig tragen die Verpackungen schon die Deskriptoren von PEGI. Wenn wir da noch zusätzliche einfordern würden, wären diese nicht nur irritierend für viele, sondern auch für das Spieledesign bliebe immer weniger Platz. Wir arbeiten jedoch daran, im Online-Bereich noch mehr Informationen zu geben.

Rasmus Kriest Rasmus Kriest Nun hast Du bereits die Möglichkeit angesprochen, dass man auf der Webseite der USK bestimmte Sachen nachlesen kann. Die Berichte, also das, was in den Gremien besprochen wird und die genaue Begründung, warum dieses Spiel nun jene Freigabe erhalten hat, kann ich jedoch nicht nachlesen. Ich habe auch in einem anderen Interview schon von den Interessen der Wirtschaft, das aus Marketinggründen zu verhindern, gehört. Nun frage ich, als mündiger Staatsbürger und leidenschaftlicher Spieler, mich natürlich, wie es sein kann, dass in einer Institution, die teilweise durch die Politik, also durch Steuergelder, vertreten ist, die Interessen der Wirtschaft höher stehen als die Transparenz gegenüber dem Bürger. Wie kann das sein?

Felix Falk Felix Falk Dem würde ich widersprechen, es geht hier klar darum, das Ganze in den Ausgleich zu bringen. Sowohl im Jugendschutz als auch explizit in der USK arbeiten Wirtschaft und Politik zusammen, das heißt, wir müssen einen Interessenausgleich hinbekommen. Die Wirtschaft ist nicht dazu verpflichtet, das Spiel durch uns bewerten zu lassen, da die Tatsache, ein Produkt vor Erscheinen einer Behörde vorzulegen, Zensur und damit durch das Grundgesetz verboten ist. Nun sind wir aber eben keine Behörde, sondern eine Institution der Wirtschaft, an der der Staat beteiligt ist und in der wir gemeinschaftlich Altersfreigaben vergeben. Deshalb sind wir auch sehr glücklich darüber, dass die Publisher uns noch vor eigentlichem Erscheinen das eigentliche Spiel testen und bewerten lassen und sich damit dem Prozedere der USK unterwerfen, was sie ja nicht machen müssten. Wenn die USK vom Publisher nun aber genau das verlangt und diese auch die Kosten dafür tragen, dann muss man zumindest gewährleisten, dass die Produkte, die sie schicken, vertraulich behandle und die Marketingstrategie nicht beeinträchtige.

Rasmus Kriest Rasmus Kriest Um bei dem Wechselspiel von Wirtschaft und Politik zu bleiben: Ist die Tatsache, dass ein Spiel, das eine Freigabe ab 18 Jahren von der USK erhält, dennoch vom Entwickler beschnitten werden muss, nicht zu viel Regulierung? Wie kommt es, dass ein volljähriger Staatsbürger nicht das Recht hat, ein Medium so zu genießen, wie es von den Machern vorgesehen war, sondern sich diese hierfür beispielsweise aus dem Ausland besorgen muss?

Felix Falk Felix Falk Wenn ein Spiel keine Freigabe der USK erhält, weil wir jugendgefährdende Inhalte vermuten, dann darf es normal an Erwachsene verkauft werden. Wenn ein Spiel indiziert ist, darf es immer noch gekauft, jedoch nicht beworben werden; dazu gehört auch das Aufstellen im Regal und Berichte von Seiten der Presse. Im Unterschied zum Filmmarkt, in dem sich in Videotheken die 18er-Ecken eingebürgert haben, haben sich solche im Videospielmarkt nicht etabliert. Deshalb rechnet mancher Publisher mit wirtschaftlichem Verlust und schneidet lieber einzelne Szenen oder Inhalte für den deutschen Markt aus dem Spiel. Lokalisierte Spiele sind jedoch heute bei weitem nicht mehr so häufig der Fall wie noch vor einigen Jahren. Das liegt unserer Meinung nach vor allem daran, dass Vertreter der USK das deutsche System Spiele-Entwicklern immer wieder vorgestellt haben, sodass diese noch bei der Entwicklung bestimmte Szenen generell nicht einbauen und das Spiel dann auch in Deutschland in der internationalen Originalversion eine USK-Freigabe erhält.

Rasmus Kriest Rasmus Kriest Hälst Du die Zensur von Computerspielen für die Zerstörung von Kunst? Sind Computerspiele also ein Kulturgut, das schützenswert ist?

Felix Falk Felix Falk Ganz klar für die USK und auch mich ist: Computerspiele sind Kulturgut und dürfen nicht zensiert werden.

Jedoch muss sich auch Kulturgut nach den geltenden Gesetzen richten und damit nach den Einschränkungen in Bezug auf Kinder und Jugendliche. Wenn ein Anbieter für sein Spiel entscheidet, dass bestimmte Inhalte für das Spiel entbehrlich sind und er diese entfernt, dann kann ich gut damit leben, weil es eine autonome Entscheidung ist.

Rasmus Kriest Rasmus Kriest Die ganze Zeit reden wir über den Vertrieb von Computerspielen. Würdest Du sagen, dass die zunehmende Digitalisierung des Marktes, gerade auch mit Blick auf neue Distributionswege und deren Anbieter (beispielsweise Steam), die Arbeit der USK und damit auch des Jugendschutzes in Deutschland gefährdet?

Felix Falk Felix Falk Ich würde nicht sagen, dass der Online-Markt die Arbeit der USK gefährdet, sondern diese vor eine Herausforderung stellt. Wir stehen vor der Herausforderung, auch Antworten für die Bereiche, in denen der klassische Jugendschutz nicht greift zu finden. Es ist Online eben nicht mehr so, dass beispielsweise ein Verkäufer an der Kasse einfach nach dem Ausweis fragen kann. Wenn wir darauf Antworten finden, dann bekommen wir auch online einen guten Jugendschutz hin.

Rasmus Kriest Rasmus Kriest Aber wie soll das genau funktionieren? Ich habe vor ein paar Tagen Steam (eine Plattform zum digitalen Vertrieb von Videospielen, entwickelt von Valve) neu installiert und wurde während der Installation gefragt, ob ich schon älter als 13 Jahre bin. Danach kann ich an jeder Tankstelle und an jedem Kiosk eine „paysafecard“ kaufen und mir damit Titel ab 16 oder 18 kaufen ohne auch nur einmal mein Alter bestätigen zu müssen.

Felix Falk Felix Falk Es gibt verschiedene Möglichkeit, Jugendschutz in solchen Bereichen zu realisieren. Kein Fan bin ich von der Sendezeitenbegrenzung, einem Relikt aus dem Fernsehen, das in Zeiten des Internets nicht mehr durchsetzbar ist. Eine gute Möglichkeit hingegen sind die Jugendschutzeinstellungen an Konsolen. Man kann heutzutage nicht mehr sagen, dass der Staat sich um alles kümmert, sondern es ist auch eine wichtige Aufgabe der Eltern, beim Jugendschutz aktiv mitzuhelfen, da der Staat weder in die eigenen vier Wände schauen kann noch soll. Man muss den Eltern also gute Systeme an die Hand geben, mit denen diese ihre Kinder besser schützen können. Und genau hier liegt die Aufgabe der Hersteller und der USK, solche funktionierenden Systeme zu entwickeln und zu implementieren.

Rasmus Kriest Rasmus Kriest Es befindet sich aktuell ein System in der Entwicklung, dass eine einheitliche Kennzeichnung von Online-Spielen erlauben soll und aus einer Kooperation zwischen verschiedenen Alterskennzeichnungs-Systemen entsteht. Könntest Du etwas Genaueres über die letztendliche Umsetzung dieses Systems sagen?

Felix Falk Felix Falk Diese „International Age Rating Coalition“ ist aus einer Kooperation zwischen der USK (Deutschland), PEGI (Europa), ESRB (USA), ClassInd (Brasilien) und anderen entstanden und das System wird aktuell schon im Firefox Marketplace genutzt.

Das System basiert darauf, dass sich die Entwickler einen Fragebogen über die Inhalte ihres Spiels ausfüllen, wenn sie dieses in einem App Store veröffentlichen. Diese jugendschutzrelevanten Fragen können Entwickler, wie bei der PEGI, mit „ja“ oder „nein“ beantworten. Ausgewertet werden diese Bögen jedoch von jedem Partner individuell und automatisch. So kann eine Frage, die nach der expliziten Gewaltdarstellung fragt, zu einer Freigabe ab 18 Jahren in Deutschland, jedoch zu einer Freigabe ab 12 Jahren in den USA führen. So ist das System zwar international, der Entwickler muss den Fragebogen also nur einmal ausfüllen, die Freigaben sind aber von Land zu Land unterschiedlich und entsprechen den jeweiligen lokalen Kriterien. Die Aufgabe der Partner ist zusätzlich auch noch die Qualitätskontrolle, wir prüfen also die Freigabe nach indem wir Stichproben machen oder auf Beschwerden reagieren.

Rasmus Kriest Rasmus Kriest Kostet dieser Fragebogen den Entwickler etwas? Gerade bei Spielen, die rein online oder für Smartphones publiziert werden, sitzt häufig doch nur ein Entwickler dahinter, der sich Kosten wie bei einer USK-Freigabe keinesfalls leisten könnte. Kosten würden damit den boomenden Indie-Markt deutlich einschränken.

Felix Falk Felix Falk Nein, diese Freigabe kostet aus genau diesem Grund nichts. Die Kosten werden von den Plattformen getragen, das heißt, wenn Microsoft, Sony oder Nintendo die Freigaben integrieren (sie sind derzeit dabei), dann kommen sie für die Kosten des Systems auf.

Rasmus Kriest Rasmus Kriest Nach einem Rundumblick über Jugendschutz und die Zukunft ebendessen, kommen nun noch ein paar Fragen zur Gremiumsarbeit selber. Du sprichst häufig von den Studenten, die die Spiele spielen und testen, um dem Gremium einen Einblick zu geben. Wie ist jedoch das Durchschnittsalter derjenigen, die das Spiel letztendlich bewerten, also im Gremium die Diskussion führen?

Felix Falk Felix Falk Das Durchschnittsalter unserer Jugendschutzexperten liegt bei Anfang 40. Damit haben wir im Vergleich zu anderen Institutionen sehr junge Prüfer. Das Alter ergibt sich daraus, dass bei der USK ganz verschiedene Personen im Gremium sitzen, sowohl ältere als auch jüngere. Unsere beiden größten Kriterien bei der Auswahl dieser ist sowohl die Erfahrung mit Computerspielen, als auch das Wissen über die Entwicklung von Kindern und Jugendlichen.

Rasmus Kriest Rasmus Kriest Im Vergleich zur PEGI gibt es bei der USK keine starren Fragebögen, die beantwortet und abgearbeitet werden. Durch demokratische Entscheidungen werden die Freigaben letzten Endes im Gremium bestimmt. Diese Diskussionen und Entscheidungen basieren auf den von Dir so häufig erwähnten Leitkriterien, die man sich auch auf der Webseite der USK herunterladen kann. Aber wie sind diese eigentlich zustande gekommen? Basieren sie auf wissenschaftlichen Studien oder auf Erfahrungswerten? Wie viel Empirie steckt hinter diesen Kriterien? Wie stark haben sie mit Psychologie oder Moral und dem Sozialdruck, unter dem die USK steht, zu tun?

Felix Falk Felix Falk Diese Leitkriterien haben wir 2011 erstmals zusammengetragen und aufgeschrieben. Es handelt sich dabei eigentlich um eine Bündelung aus 20 Jahren Spruchpraxis der USK. Es ist das, womit wir täglich arbeiten, was schon in vielen verschiedenen Anleitungen und Auflistungen von Kriterien gesammelt war. Diese basieren sowohl auf wissenschaftlichen, als auch auf pädagogischen Kriterien. Letztendlich ist es also eine Mischung aus Studien und den Erfahrungen derer, die im Gremium sitzen.

Rasmus Kriest Rasmus Kriest Diese Leitkriterien haben sich im Verlauf der Jahre doch deutlich geändert. In den 1990ern mussten bei „Command & Conquer“ (Westwood Studios, EA, 1996) Menschen durch Roboter ersetzt werden, „Doom“ (id Software, 1993) wurde als jugendgefährdend angesehen, heute belächelt man diesen Pixelhaufen mehr. Inwiefern haben sich die Kriterien Ihrer Meinung nach verändert? Hat das etwas mit der heute anderen gesellschaftlichen Wahrnehmung von Computerspielen zu tun?

Felix Falk Felix Falk Die Bewertungen müssen immer anhand der Medienrealität von Kindern und Jugendlichen funktionieren, man kann sich schließlich nicht einmal festlegen und dann ewig so belassen, wenn 1994 ein „Doom“ grafischen Realismus dargestellt hat und es heutzutage nicht mal mehr Kinder und Jugendliche so beeindruckt wie es noch damals der Fall war.

Die gesellschaftliche Wahrnehmung ist wiederum etwas anderes, weil die USK in ihrer Beurteilung frei von Vorurteilen oder tagespolitischen Ansichten sein muss. Für uns ist also wirklich nur wichtig, ob das Spiel für den Achtjährigen beeinträchtigend ist oder nicht. Wir beobachten zwar die gesellschaftliche Debatte und ich finde sie auch sehr wichtig, sie hat jedoch im Prüfgremium nichts zu suchen. Aber ich freue mich sehr, dass in den letzten fünf bis acht Jahren nach einer sehr harten gesellschaftlichen Diskussion mit vielen Ressentiments gegenüber Computerspielen man inzwischen vorurteilsfrei über Spiele und Spieler reden kann und damit die Inhalte in den Vordergrund stellt und nicht ein Medium grundsätzlich verteufelt.

Rasmus Kriest Rasmus Kriest Wie arbeitet man eigentlich im MMORPG-Bereich mit spielexternen Faktoren, also Suchtgefahr, Cybermobbing oder Micro-Transactions, mit denen speziell minderjährigen das Geld aus der Tasche gezogen wird?

Felix Falk Felix Falk Bei der klassischen USK-Prüfung können wir diese Faktoren nicht mit einbeziehen, auch, weil wir die Spiele lange vor Verkaufsstart erhalten, wo teilweise weder das Bezahlsystem feststeht, noch eine Community existiert. Wir schulen jedoch unsere Mitglieder darin, sich an den Jugendmedienschutzstaatsvertrag zu halten, der eben solche Faktoren beinhaltet.

Rasmus Kriest Rasmus Kriest Wohin wandert der Markt aktuell? Wie haben sich die Kennzeichnungen im Verlauf der letzten Jahre geändert?

Felix Falk Felix Falk Die Verteilungen der Freigaben sind eigentlich relativ stabil, mit der Ausnahme, dass seit 2009 immer weniger Spiele, die eine Freigabe ab null Jahren erhalten, eingereicht werden. Das hängt aber nicht damit zusammen, dass es weniger solche Spiele gibt, sondern dass diese immer stärker nur online verfügbar sind und damit nicht von uns geprüft werden. Damit verschiebt sich der prozentuale Anteil der anderen Freigaben natürlich rein statistisch gesehen.

Rasmus Kriest Rasmus Kriest Du hast bereits vorhin erwähnt, dass die Eltern sich stärker um den Schutz ihrer Kinder kümmern müssen, da der Staat das im Zeitalter des Internets nicht mehr so weitreichend übernehmen kann. Gibt es noch irgendetwas, dass die USK sich von der Gesellschaft wünscht?

Felix Falk Felix Falk Ich freue mich, dass Computerspiele als gleichberechtigtes Medium neben Filmen immer stärker anerkannt werden und dass das Interesse daran immer weiter wächst. Schon die Tatsache, dass der Durchschnittsspieler in Deutschland heute älter als 30 ist, zeigt schon, dass das Medium ein gesamtgesellschaftliches Medium ist, auf das man sich inzwischen sachlich und mit Freude einlassen kann.

Was ich mir allerdings wünsche, ist eine mutige Politik, die den Herausforderungen, die ich erwähnt habe, endlich begegnet und sinnvolle, moderne Gesetze macht, damit wir auch in der Lage sind, einen modernen Jugendschutz zu machen. Sowohl die Bundes- als auch die Ländergesetze sind noch auf dem Stand von 2003, seitdem hat sich der Markt, speziell im Online-Bereich sehr stark verändert. Es sind sowohl der Bund (Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend unter der Leitung von Familienministerin Schwesig, Anm. d. Red.) als auch die Ministerpräsidenten der Länder gefragt – ansonsten schaut der Jugendschutz den medialen Entwicklungen in fünf Jahren nur noch hinterher.

Rasmus Kriest Rasmus Kriest Eine abschließende Frage nun noch zu Dir: Auf der USK-Webseite wird geschrieben, dass Du neben deiner Rolle als Geschäftsführer der USK noch als Musiker aktiv sind. Auf Wikipedia hingegen wirst Du nur als Musiker beschrieben, die größte Enzyklopädie der Welt kennt Dich also gar nicht in Ihrer Rolle bei der USK. Wo würdest Du selber denn deine Prioritäten setzen? Bist Du mehr Geschäftsführer oder Musiker?

Felix Falk Felix Falk Ich freue mich, dass ich die Möglichkeit habe, beides zu machen. Ich bin als Musiker besonders an den Wochenenden unterwegs, so dass das nicht konkurriert mit der USK. Gerade weil ich lange politische Prozesse begleiten und einen sehr langen Atem haben muss, um angestoßene Prozesse manchmal erst nach zwei Jahren zu ihrem Ende zu bringen, da ist es ein schöner Ausgleich, auf der Bühne zu stehen und den Ton zu spielen, ganz unmittelbar und intuitiv, ohne Abstimmung und langes Überlegen. Ich glaube, beides ergänzt sich sehr gut gegenseitig.

Rasmus Kriest Rasmus Kriest Einen langen Atem hat man als Saxophonist ja definitiv. Ich danke Dir für das lange und ausführliche Interview!

Felix Falk Felix Falk Gerne. Ich danke für die spannenden und gut vorbereiteten Fragen!

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